Dedden-Design
 

Die Kunst des plastischen Modells . Claudia Deddens „Leverkusener Impressionen“ 2010

 

Von Peter V. Brinkemper

 

Claudia Deddens „Leverkusener Impressionen“ im Industriemuseum Freudenthaler Sensen-

hammer 2010 zeigen uns historische und zeitgenössische Motive, vor allem aus dem Ortsteil Schlebusch, in Aquarell, Öl und Acryl, vornehmlich aus den beiden jüngsten Jahren, sowie

einige ältere Werkbeispiele. Die Künstlerin widmet sich der Malerei; sie arbeitet ebenso als Grafikdesignerin und hat Kunstgeschichte studiert. Ihre Leidenschaft ist die Faszination des unbefangenen und genauen Blicks, der Reiz des Sehens. „Ich fotografiere nicht, ich male“,

ja, - mit dem Auge. Und wir sehen es im Hier und Jetzt auf diesen Bildern. Auf Hingabe, Aufmerksamkeit und den Genuss am Ganzen und am Detail kommt es an, aber auch auf Stimmungen und Assoziationen, durch sorgfältig ausgewählte Blickwinkel und Perspektiven,

die Altvertrautes in neuem Licht erscheinen lassen. Oft verzichtet die Künstlerin auf das Vor-Fotografieren von später im Studio fertig gestellten Motiven; skizziert und malt unmittelbar

vor Ort. Das Erlebnis und die Erfahrung eines Ortes, die Verarbeitung lebendiger Eindrücke, schaffen, so Dedden, eine andere Bildqualität als das ungefähre Hingucken durch den Sucher, das eher ein Wegschauen, eine Schrumpfform des intensiven Betrachtens darstellt.

Einzelobjekte, historische oder moderne Architekturen, Landschaften, Panoramen, komplett

oder in Ausschnitten, führen zu modellhaften und zugleich atmosphärisch dichten Ansichten,

auf denen die Szenerie auch das Tageslicht, das Wetter und das Ambiente reflektiert.

 

Vielleicht kennen Sie noch das Ritterburg-Fachwerkhaus, das bis 1989 an der Bergischen Landstraße stand, eine Ansicht in Öl, 1984, die auch mit dem minutiösen Fraktur-Schriftzug

der „Frankfurter Allgemeine“ am Schreibwarengeschäft besticht. Beeindruckend und atemberaubend sind die Präzision und kompositorische Energie von Teich und Brücke im Leverkusener Japanischen Garten, auf einem großen Acrylbild, 2005, das den Baumbestand,

die Seerosen und die sanfte Bewegung auf der Wasseroberfläche in einer dichten Verwebung

um den Bogen präsentiert. Abendlicht und Baumschatten fallen auf das Fabrikgebäude der Sensehammer-Anlage, 2009, eine Komposition, die mehrere subtile malerische Schichtungen verlangt und historische wie zeitgenössische Details, eine Ankunft der Gegenwart in der bewahrten Vergangenheit vereint. Manche Motive, wie das Pförtnerhäuschen am Wuppermannspark in Schlebusch, 2009 oder das Pfarrhaus St. Andreas, 2010, im letzten Licht, tragen einen Hauch von Weimarer Klassik oder ihre klassizistische Reminiszenz ins Bild.

Das Alte Bürgermeisteramt in der Fußgängerzone, 2010, erstrahlt in atmosphärischer Pracht.

Die Skala der Farbwerte hält den jeweiligen Stand der Tages- und Jahreszeit fest, in seltener Feinjustierung dessen, was zunächst eher in Acryl und Öl als in Aquarelltechnik möglich erscheint. Und die Apparaturen, die Poliermaschine und der dämonische Feuerofen in den Werkhallen am Sensehammer beeindrucken auf kleinformatigen Bildern durch die gedrungene Kraft und Energie: bei allem Realismus voller kubistischer und expressionistischer

Anspielungen in der abenteuerlichen Zergliederung und Dehnung des Bildraumes.

 

Claudia Deddens Aquarelle sind beileibe keine gefälligen Motive. Sie sind in ganz besonderer Weise auf der formalen Ebene mit künstlerischer Spannung aufgeladen. Der Kunstgriff: Freie Farbe trifft auf außergewöhnlich grafische Präzision und behält dabei doch ihren Eigenwert.

Das ist in der Technik und Gattung Aquarell keineswegs selbstverständlich. Malerische Improvisation ist für die Künstlerin kein Selbstzweck, sondern sie setzt sie ein, als eine

wahrhaft bildnerische Kraft. Als ein Potential für eine vitale Komposition. Und diese führt

zu einem plastischen Modell, zu einer pikturalen Skulptur. Die Farbe wirkt - nicht nur in der abstrakten Fläche des Papiers, nicht nur als zweidimensionaler Teppich eingeschliffener Bildelemente und Mosaikeffekte, - sondern auch in den Kontrasten entlang der imaginären Tiefenperspektive; oder in der sensiblen gegenständlichen Wölbung der gemeinten Modelle. Diese werden im besten Sinne nicht nur abgebildet, sondern neu geschaffen. Dabei erfährt

die Farbe eine subtile Kontrolle, sie ist Teil einer intensiven Inszenierung von Form, Material

und Bedeutung, durch sparsamen Einsatz von Grundierung und Schattierung, im gezielten Kontrast von Fläche und Linie, durch den konsequenten Rhythmus zwischen Eröffnung und Begrenzung, Fortführung und Unterbrechung. Typisches und Ungewöhnliches verschwistern

sich in nachbarschaftlich kühnen Möglichkeiten. So entsteht ein lebendiger Realismus. Ein fast photographischer Realitätssinn sorgsamer, unaufdringlicher Farbwerte paart sich mit dem freien Spiel leuchtender, umeinander flirrender Reflexe. Originaltreue und Fabulierkunst durchdringen einander wechselseitig auf paradoxe Weise: in kleinen und großen Formaten, in knappsten Parzellen und weit aufblühenden Partien. Im pulsierenden Bild beginnt anscheinend

Alltägliches jeweils anders, malerisch und zeichenhaft, aufzuscheinen, Ikonen erglühen, Bekanntes verflüchtigt und stabilisiert sich neu zur naheliegenden köstlichen Erscheinung.

 

zurück